Der Anfang nach dem Ende (1)

„Krebs, da bin ich mir ziemlich sicher, diese Wucherungen an Ihrem rechten Stimmband sind auf keinen Fall ein Ödem“ mit diesen Worten veränderte der Professor für Phoniatrie vollkommen das Leben des 49-jährigen Michael Hauser. „Aber mein HNO-Arzt hat doch behauptet, bei mir lägen keinerlei Risikofaktoren vor, ich rauche nicht, ich trinke keinen Alkohol und bin auch bei der Arbeit keine schädlichen chemischen Verbindungen ausgesetzt und er hat mich ausdrücklich beruhigt, es sei nichts Schlimmes“.

„Tja, das mag alles richtig sein, aber die Tatsache ist kaum zu leugnen und daher sollten Sie sich umgehend in der HNO-Klinik genauer untersuchen lassen, ich vereinbare noch heute einen Termin, denn wir sollten keinen Tag mehr versäumen. Jeder Tag kann für eine mögliche Heilung entscheidend sein.“ Der Professor wirkte sehr souverän, nahm den Telefonhörer und ließ sich mit der Klinik verbinden, ohne die Zustimmung seines Patienten abzuwarten.

Michael Hauser konnte sich gerade noch bedanken, zu mehr war er nicht mehr fähig und fragte sich insgeheim, kann man sich für eine solche Auskunft wirklich bedanken. Er verließ mit schleppenden Schritten die in einer trostlosen alten Fabrik untergebrachte und mit Schnellbauwänden abgeteilte Außenstelle der Uniklinik und wiederholte vor sich hinmurmelnd: „Der muss sich irren, das kann doch nicht wahr sein, das ist ganz einfach falsch, der versteht vielleicht etwas von Sprach- oder Stimmtechnik, aber bestimmt nichts von Krebs. Das ist bestimmt etwas ganz Harmloses. Vielleicht hat er es nicht so genau gesehen, denn ich habe doch auch bei ihm sehr schnell einen Würgereiz bekommen und vielleicht ist das Foto, das er gemacht hat, von einer ungünstigen Stelle aufgenommen worden und verzerrt die Situation.“ Er bemerkte dabei nicht, welchen Eindruck er auf andere Menschen machte, die den gut gekleideten, vor sich hinmurmelnden Mann erstaunt betrachteten.

Aber insgeheim überkam ihn die Furcht, der Arzt könnte doch Recht haben. Er ging, ohne links und rechts zu schauen über eine rote Fußgängerampel, er bemerkte nicht, wie die Menschen an ihm vorbei hasteten. Er setzte sich hinter das Steuer seines silberfarbenen PT-Cruiser, dessen ausgefallene Form ihn und seine Frau Susanne zum Kauf bewogen hatte. Er hörte er immer nur die Worte des Arztes und überlegte „ Was soll ich nur Susanne sagen, sie wartet doch auf das Ergebnis und will wissen, was er tun muss, damit sich seine Stimme bessert? Soll ich gleich mit der Tür ins Haus fallen oder gibt es eine harmloser klingende Erklärung? Denn es besteht ja durchaus die Möglichkeit, was heißt hier Möglichkeit, der Professor muss sich einfach irren, er muss und er wird.“

„Hallo Sanne, ich war gerade beim Professor und der will noch einige Untersuchungen durchführen lassen, ich fahre also gleich noch zur Uniklinik.“ Michael sprach mit gewollt gefasster Stimme.

„Wieso, was für weitere Untersuchungen, das verstehe ich nicht? Wann kommst du dann heim, du denkst doch daran, dass wir heute Nachmittag einkaufen wollen, ich brauche unbedingt was Neues zum Anziehen.“ Susanne ließ ihre Ungeduld deutlich erkennen und Michael hörte sie auf den Schreibtisch trommeln. Obwohl er ihre Ungeduld sonst hasste, war er froh, dass sie dadurch seine Beklemmung nicht zu bemerken schien.

„Das kann ich noch nicht sagen, aber ich bin froh, dass es so schnell mit einem Termin klappt.“

„Wenn du meinst, aber mach denen klar, dass du als Privatpatient bevorzugt behandelt wirst, vielleicht klappt es dann doch noch heute Nachmittag“.

Michael stimmte ihr zu, zweifelte aber, ob dies bei einem so kurzfristigen Termin überhaupt möglich ist. Er fuhr zur Klinik, musste seinen Wagen aber etwas entfernt an einem Parkautomaten abstellen, auch wenn ihm dabei bei dem zu erwartenden längeren Aufenthalt ein Bußgeld drohen könnte. Aber warum sollte ihn das stören, wenn das eigene Leben gerade in die Brüche ging.

In der neu erbauten, hellen Klinik mit interessanten Bildern an der Wand, ein krasser Gegensatz zu der Klinikaußenstelle, wo er gerade gewesen war, wurden im Sekretariat von Professor Weniger seine Daten aufgenommen, ehe er im Wartezimmer Platz nehmen konnte. Obwohl er in den alten und schon arg zerfledderten Zeitschriften blätterte, nahm er nichts auf. Immer liefen seine Gedanken im Kreis herum: „Warum ich? Was ist die Ursache, habe ich was falsch gemacht? Wann und wie hat denn alles angefangen?“

Als Trainer hatte er zu Jahresbeginn wie immer zu dieser Zeit viele Seminare und Workshops durchgeführt und dabei war ihm aufgefallen, dass er schon länger ohne weitere Anzeichen einer Erkältung heiser war. Als sich Susanne über sein häufiges Räuspern gewundert hatte und die Heiserkeit während des Seminars in Kassel immer schlimmer geworden war, hatte er seiner Hausärztin Dr. Gerster, eine klassische Homöopathin, angerufen und ihr die Symptome geschildert.

„Herr Hauser, nehmen Sie mal folgendes homöopathische Mittel und wenn das nicht hilft, dann kommen Sie nach meinem Urlaub in die Praxis oder gehen zu einem HNO-Spezialisten.“

Das verschriebene Mittel der Ärztin, durch deren homöopathische Behandlung seine langjährigen Heuschnupfenbeschwerden verschwunden waren, hatte er aber nur kurzfristig zu einer gewissen Besserung geführt.

Dieser Beitrag wurde unter Der Anfang nach dem Ende abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.