Der Anfang nach dem Ende (5)

Da es nach dem Abendessen schon spät geworden war, entschieden sie sich auf einen Krankenhausbesuch bei Michaels Bruder verzichten, der zum wiederholten Mal wegen Herzbeschwerden im Krankenhaus war und Susanne telefonierte nur ganz kurz mit ihm.

Michael wälzte sich im Bett herum und fand keinen Schlaf. Obwohl er allein einzuschlafen gewohnt war, hätte er an diesem Abend gerne in Susannes Armen gelegen, doch die war wie so oft mit Arbeiten für ihren Chef beschäftigt.

Seine Gedanken bissen sich immer wieder an der Diagnose Krebs fest: „Was weiß ich eigentlich über diese Krankheit?“ Ziemlich wenig, denn Gespräche oder auch Geschriebenes zum Thema Krankheit hat er immer gemieden und völlig aus seinem Leben ausgeklammert. Er erinnerte sich nur vage, dass die Krankheit meist in gar nicht zu langer Zeit tödlich endete und vorher häufig mit großen Schmerzen verbunden war. Doch schließlich übermannte ihn der Schlaf und so bemerkte er nicht, als Susanne schlafen ging.

Beim Radiologen wurden an Lunge und Bauchraum keine Auffälligkeiten entdeckt. Bei Dr. Knubel, seinem früheren Hausarzt, den er der räumlichen Nähe wegen Dr. Gerster vorgezogen hatte, zapfte ihm die Sprechstundenhilfe etwas Blut – ein Vorgang, den Michael nur liegend ertragen kann – und führte ein EKG und leitete einen Tbc-Test ein. Eigentlich könnte er jetzt gehen und am späten Nachmittag die Ergebnisse abholen, doch da ihn der Arzt selbst auch sprechen wollte, musste er sich notgedrungen ins Wartezimmer setzen, wenigstens gab es hier neue Illustrierte. Schon eine halbe Stunde später wurde er hereingerufen und der Arzt fing zuerst ein Gespräch über den Zustand von Michaels Bruder an, den er ebenfalls behandelte, während Michael langsam der Magen knurrte, da er ohne Frühstück zu den Untersuchungen erscheinen musste.

„Nun, Herr Hauser, was führt Sie denn zu mir?“ bequemte sich angesichts des vollen Wartezimmers Dr. Knubel endlich, sich seinem Patienten zuzuwenden.

„Ich war gestern in der Uniklinik und die Ärzte vermuten einen Krebs am Stimmband.“ Michael berichtete ganz sachlich, als wenn er von einer fremden Person sprechen würde.

„Krebs bei Ihnen, das klingt aber sehr unwahrscheinlich, bei Ihrer gesunden Ernährung. Das will ich jetzt genau wissen, kommen Sie mal mit ins Nebenzimmer.“

Bevor Michael Hauser es sich versah, saß er schon vor dem Bikomgerät, auf das dieser Medizinmann seit einiger Zeit schwor und weshalb Michael den Arzt gewechselt hatte.

Dr. Knubel testete seinen überraschten Patienten mit den unterschiedlichsten Stoffen, die in kleinen Glasfläschchen enthalten waren, um eine Krebserkrankung feststellen zu können. Dies war ihm nach seinen eigenen Angaben schon bei einigen Patienten sehr frühzeitig gelungen.

Michael hält allerdings nicht so viel von dieser Diagnose- und Therapiemethode, zumindest hat sie bei seinem Heuschnupfen keine positiven Ergebnisse erbracht. Nach vielen Tests verkündete Dr. Knubel dann das aus seiner Sicht günstige Ergebnis. „Herr Hauser, wie ich schon vermutet habe, ich kann bei Ihnen keinen Krebsbefund feststellten. Aber um ganz sicher zu sein, können Sie dies ja eine Gewebeprobe bestätigen lassen. Wegen Ihrer Heiserkeit schlage ich Ihnen jetzt noch eine Salzinhalation vor.“

„Danke, Herr Doktor, das beruhigt mich sehr“, schwindelte Michael Hauser, denn er hatte diesem in seinen Augen komischen Gerät noch nie getraut und tat es auch jetzt nicht. Michael führte die Inhalation durch und dachte sich, schaden kann es ja wohl nicht, wobei er sich allerdings fragte, ob es dem Arzt durch die zusätzliche Leistung bei der Abrechnung nicht mehr als seiner Gesundheit nutzt.

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