Der Anfang nach dem Ende (6)

Da Michael Hauser am Morgen noch nicht gegessen hatte, frühstückte er in einem nahe gelegenen Café, versuchte in seinem mitgebrachten Buch zu lesen, gab es aber bald wieder auf. Er fragte sich, was er von dem Untersuchungsergebnis halten soll, denn er hatte keinerlei Vertrauen in die Wirksamkeit des Gerätes und verstand die Einstellung des ihm früher so kompetent erschienenen Arztes nicht. Sollte er jetzt auf einmal daran glauben, nur weil das Resultat genau seinen Hoffnungen und Wünschen entsprach? Rein verstandesmäßig sagte er sich, dies hatte keine Bedeutung und trotzdem stieg die Hoffnung, dass ausnahmsweise vielleicht doch etwas dran sei und immer wieder musste sich Michael vor zu viel Euphorie hüten, dies galt insbesondere auch nach dem anschließenden Telefonat mit Susanne, die sich in ihrer Einschätzung, die Krebsdiagnose sei ein Unding bestärkt fühlte.

Als er zu Hause die Tür aufschloss, läutete das Telefon und er eilte rasch zum Apparat: „Hier Dr. (Name unverständlich), Kreiskrankenhaus. Sind Sie der Bruder von Eugen Hauser, der bei uns auf der Station liegt?“

„Ja, warum?“ Michael konnte nicht mehr sagen.

„Herr Hauser, leider geht es Ihrem Bruder sehr schlecht, ich befürchte, es geht rasch dem Ende entgegen. Können Sie kommen?“

„Natürlich, allerdings muss ich zuerst versuchen, seinen Sohn zu erreichen, aber dann komme ich sofort ins Krankenhaus.

Minutenlang saß Michael bewegungslos in seinem Bürostuhl, er musste zuerst diese Neuigkeit verkraften, denn sein Krebsverdacht und jetzt dies, das war fast ein bisschen viel auf einmal.

Aber dann halfen ihm die notwendigen Aktivitäten, das Gehörte zu verdrängen. Er informierte Susanne und sie wollten sich im Krankenhaus treffen. Zunächst versuchte er aber noch, seinen Neffen Peter oder dessen Frau zu erreichen. Dies gelang aber erst nach längerer Zeit und verschiedenen Telefonaten und Rückrufen und das jüngere Ehepaar wollte sich sofort auf den Weg machen. Wenig später läutete das Telefon erneut und er erfuhr, dass sein Bruder zwischenzeitlich verstorben war.

Michael war geschockt, denn trotz des Anrufes hatte er nicht damit gerechnet, zumindest nicht so schnell. Denn schon vor einigen Jahren war es bereits mehrmals so schlecht um seinen Bruder gestanden, der aber jedes Mal dem Tod wieder von der Schippe gesprungen war. Er informierte Peter, damit dieser keinen Grund mehr hatte, zu schnell zu fahren, nur um rechtzeitig noch bei seinem Vater zu sein und traf sich dann mit Susanne im Krankenhaus, um von seinem Bruder Abschied zu nehmen. Dies fiel ihm schwer, denn schon beim Betreten des Krankenhauses sprang ihn der Gedanke an seine eigene mögliche Erkrankung an und er fragte sich, werde ich überhaupt so alt werden wie mein Bruder, der knapp über 60 wurde, wenn ich tatsächlich Krebs habe und wann werde ich so da liegen. Schnell verließen sie den Toten und das Krankenhaus.

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