Der Anfang nach dem Ende (7)

Während sie auf seinen Neffen Peter warteten, machten sie einen Spaziergang im nahe gelegenen Wald, wo gerade die Frühlingsblumen blühten. Doch diese Zeichen erwachenden Lebens nahmen Michael und Susanne heute kaum war, sie redeten fast nichts und wenn, dann nur über das, was gemeinsam mit Peter in den nächsten Stunden und Tagen zu erledigen war.

Als sich dann Peter später im Gespräch über Michaels Heiserkeit wunderte, nannte Michael die Überlastung durch viele Seminare als Grund und dies blieb für die nächsten Tage bei allen Gesprächen und entsprechenden Fragen seine Standardantwort.

Auch bei den Gesprächen mit dem Leichenbestatter und dem Pfarrer dachte Michael immer wieder an seine eigene Situation und er war mitunter kaum in der Lage, den Gesprächen aufmerksam zu folgen und überhörte sogar die eine oder andere Frage. Seine Gedanken gingen immer im Kreis herum, hab ich Krebs oder ist alles ein falscher Alarm, wenn ich aber Krebs habe, wie lange habe ich dann noch zu leben, wird er heilbar sein, werde ich Schmerzen haben, werde ich noch sprechen können usw.

Doch er ließ niemand, nicht mal Susanne an seinen Gedanken teilhaben. Als sie wieder zu Hause waren, ging er wie immer in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Später suchten sie die Adressen von Verwandten und Bekannten, die entweder schriftlich oder telefonisch von Eugens Tod informiert werden mussten. Michael erledigte dann selbst die notwendigen Anrufe, da Susanne seine Bitte, dies zu tun, mit der Begründung abschlug, dass es sein Bruder sei und die Anzurufenden deshalb auch seinen persönlichen Anruf erwarteten. Ein kleines Martyrium für Michael, der auch nicht so richtig wusste, was er auf die Beileidsbekundungen entgegnen sollte. Dann ging er schnell zu Bett, ehe ihn Susanne vielleicht noch etwas fragen konnte oder über seine Situation sprechen wollte.

Er wollte nicht reden, er wollte nicht denken, er wollte nichts sagen, er wollte einfach, dass dies alles nur ein Albtraum war, aus dem er spätestens nach der Gewebeentnahme aufwachen wird.

Susanne war überrascht, denn so früh ging er sonst nie schlafen, sie war auch enttäuscht, denn sie wollte eigentlich noch mit ihm reden, da die ganzen Pläne für Ostern – sie wollten doch einen kurzen Städteurlaub in Erfurt oder Leipzig machen – jetzt Makulatur waren. Doch als sie dann zur üblichen Uhrzeit ins Schlafzimmer kam, schlief Michael schon tief. Eigentlich überraschend, dass Michael trotz all dieser schlimmen Nachrichten sofort ein und auch die ganze Nacht durchschlief, aber morgen war ja auch noch ein Tag.

Am andern Morgen, am Karfreitag, stand Michael gegen 9 Uhr auf, frühstückte und setzte sich an seinen Computer. Er überlegte, soll ich mich mal im Internet zum Thema Krebs schlaumachen, aber wenn ich das mache, gebe ich dann nicht schon dem Oberarzt Recht, der Krebs bei mir einfach als sicher vorausgesetzt hat. Ich habe keinen Krebs, deshalb muss ich auch nicht im Internet nach irgendwelchen für mich unerheblichen Informationen schauen.

So blieb er zwar am PC sitzen, suchte sich aber ein Computerspiel heraus und beschäftigte sich intensiv damit. Als er dann nach einer guten Stunde Susanne hörte, schaltete er auf Word um und suchte nach einem geschäftlichen Bericht, an dem er arbeiten konnte und der ihm die notwendige Begründung lieferte, sich nicht unterhalten zu müssen. Trotzdem fragte Susanne, wie es ihm heute gehe.

„Wie soll’s denn schon gehen?“ murmelte er vor sich hin.

„Hast Du Deinen Chef schon informiert, dass Du in Krankenhaus musst?“ Susanne versuchte einen anderen Weg, um mit Michael über seine Situation zu sprechen.

„Was soll ich dem denn sagen, ich weiß doch nichts und außerdem habe ich dort gesagt, dass ich die Woche nach Ostern im Urlaub bin. Kannst Du mich jetzt in Ruhe lassen, ich habe zu arbeiten.“ Michael schaute sich nicht einmal zu Susanne um, sondern hämmerte weiter auf die Tasten ein, so als seine Seligkeit davon abhänge, diesen Bericht für die Unternehmensberatung, für die er seit mehr als 10 Jahren tätig war, an diesem Feiertag fertigzustellen.

Susanne verzog sich daraufhin in Ihr Zimmer und dachte, wenn er nicht reden will, soll er es eben bleiben lassen und war enttäuscht, dass scheinbar kein wirkliches Gespräch mehr zwischen ihnen möglich war. Eigentlich sollte doch so eine drohende Gefahr, an die sie eigentlich nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, ein Paar noch enger zusammenschweißen, aber sie spürte nur eine Wand. Eine Wand, die Michael aufbaute und ständig für sie undurchdringlicher zu werden schien.

Dieser Beitrag wurde unter Der Anfang nach dem Ende abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.